Frage: Mein Kind stört oft den Schulunterricht und ist gelangweilt. Wir wurden von verschiedenen Seiten schon darauf angesprochen. Eine ADHS wurde vermutet, jemand anderes meinte, es könnte doch auch eine Hochbegabung vorliegen.

 

Der neunjährige Jonathan geht in die 3. Klasse der Grundschule. Unter seinen Lehrern ist er bekannt als der „Klassenkasper“. Er ist oft laut, macht Blödsinn und bringt seine Aufgaben nicht zu Ende. Manchmal schaut er verträumt aus dem Fenster und zieht sich ganz in seine eigene Welt zurück.   

Die Lehrkräfte stehen bereits im regen Austausch mit den Eltern. Jonathans Verhalten störe den Unterricht und sein Arbeitsverhalten sei nicht tolerierbar. Im Kollegium wäre man sich einig, dass der Junge eine Störung der Aufmerksamkeit und der Konzentration hätte. Vor Kurzem allerdings ist Jonathans Nachhilfelehrerin für Mathematik aufgefallen, dass der Junge bereits in der Lage sei Aufgaben für Viertklässler zu lösen. Sie wendet sich nun an die Eltern und formuliert die Hypothese, dass Jonathan hochbegabt sein könnte.

 

Was ist ADHS eigentlich?

Laut gängigen Diagnosemanualen (ICD-10) handelt es sich bei ADHS um eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung. Sie ist vor allem durch eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Aktivität gekennzeichnet. Die Kinder zeigen meist eine erhöhte Ablenkbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und impulsives sowie hyperaktives Verhalten, welches sich auf mindestens zwei entscheidende Lebensbereiche (z.B. Schule und Familie) problematisch auswirken muss. Nicht betroffene Personen empfinden die Verhaltensweisen oft als störend. Möchte man sein Kind besser verstehen, hilft es sich folgendes vorzustellen: Nach einer schlaflosen Nacht soll man nun einen anspruchsvollen Text lesen und verschiedene Aufgaben dazu bearbeiten. Wahrscheinlich hätte man Probleme sich zu konzentrieren, wäre schnell genervt oder gereizt und würde lieber anderen Aufgaben nachgehen. So oder so ähnlich fühlen sich Kinder mit einer ADHS. Aber wo liegt nun die Ursache der Störung? Laut aktueller Forschung haben genetische Faktoren den größten Einfluss auf die Entwicklung einer ADHS. Daraus resultiert eine Veränderung im so genannten dopaminergen System, sehr einfach erklärt ist der Dopaminstoffwechsel im Gehirn der Kinder verändert. Diese Veränderung führt zu den bereits erwähnten Verhaltensauffälligkeiten. Wichtig zu wissen ist also, dass diese Kinder das als störend empfundene Verhalten nicht mit Absicht zeigen, um Eltern oder Lehrer zu ärgern. Denkt man nun über Förderungsmöglichkeiten der Kinder nach, sollte man diese genetische Komponente im Hinterkopf behalten. Dies bedeutet, dass sich eine ADHS nicht einfach „weg therapieren“ lässt, sondern es eher darum geht geeignete Strategien im Umgang mit den Symptomen zu erarbeiten, zum Beispiel „Wie schaffe ich es mich besser zu konzentrieren?“  

Erinnert man sich an Jonathan zurück, zeigt der Drittklässer einige der hier beschriebenen Verhaltensweisen. So kann seine laute und alberne Art in den Bereich „hyperaktives und impulsives Verhalten“ fallen, aus dem Fenster schauen und träumen wäre eher dem Bereich „Aufmerksamkeitsdefizit“ zuzuordnen, ebenso wie die Tatsache, dass er es nicht schafft Aufgaben zu Ende zu bringen. Auch scheinen die Symptome Jonathan in zwei Lebensbereichen stark zu beeinflussen, da seine Lehrer sich über sein Verhalten beschweren und diese Probleme durch die Kommunikation mit den Eltern auch in Jonathans Familie eine große Rolle spielen werden. Sollten die Eltern die Abklärung einer klinischen Diagnose wünschen, ist es sinnvoll sich an einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu wenden.

 

Und was bedeutet Hochbegabung?

Von einer intellektuellen Hochbegabung spricht man ab einem IQ von 130. In der allgemeinen Bevölkerung betrifft solch eine weit überdurchschnittliche Begabung gerade einmal 2% der Menschen. Von Hochbegabung wird zwar erst ab einer Grenze von 130 erreichten IQ-Punkten (oder mehr) gesprochen, wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass die Verteilung der Intelligenz kontinuierlich ist. Die Kategorisierung als „hochbegabt“ hat somit lediglich einen beschreibenden Charakter. Die Festlegung von Grenzwerten kann im Forschungskontext oder bei der Vergabe begrenzter Förderplätze Sinn machen. In der Praxis ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Übergänge fließend sind und bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten an den Grenzen der Kategorien keine qualitativen Sprünge zu erwarten sind. In anderen Worten: im Übergang von überdurchschnittlichen zu weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten tritt nicht schlagartig eine neue Qualität des Denkens oder der Persönlichkeit ein. Ein als intellektuell hochbegabt diagnostiziertes Kind denkt und fühlt nicht grundlegend anders als andere Kinder, sondern ist „lediglich“ intelligenter.

Wichtig zu unterscheiden im Zusammenhang mit einer ADHS ist, dass es sich bei der Hochbegabung nicht um eine Diagnose im klinischen Sinne handelt, sondern es lediglich um eine Einordnung in einen Intelligenzbereich. Während von AHDS betroffene Kinder alle Defizite in der Konzentration auf komplexe Aufgaben haben und eher durch hibbeliges Verhalten auffallen, so kann man bei hochbegabten Kindern ein viel breiteres Spektrum an Verhalten beobachten. Im Fall von Jonathan könnte es zum Beispiel sein, dass er die Aufgaben in der Schule als extrem langweilig empfindet und deshalb aus dem Fenster schaut und träumt oder mit seiner Sitznachbarin Lisa quatscht. Lisa hat bereits an einer Intelligenztestung teilgenommen, die einen IQ von 135 ergeben hat. Sie ist allerdings weniger durch störendes Verhalten aufgefallen, sondern hat stets viel Lob und Anerkennung für ihre gute Mitarbeit, Wortmeldungen und Aufsätze bekommen.

Aufgrund von Jonathans beobachteten guten Leistungen in Bezug auf Matheaufgaben, könnte man nun auch davon ausgehen, dass die gezeigten Verhaltensweisen von Jonathan auf eine Hochbegabung zurückzuführen sind. Sollten die Eltern sich dazu entscheiden dieser Hypothese nachzugehen, ist es sinnvoll sich an Beratungsstelle zu wenden, die sich auf Intelligenzdiagnostik spezialisiert haben (z.B. MIND). Hier würde man dann eine Testung des IQ vornehmen und auf der Basis einen eventuellen Förderungsbedarf besprechen.

 

Was für Gemeinsamkeiten gibt es bei ADHS und Hochbegabung und wie unterscheiden sich die beiden Phänomene?

Wie bereits eingangs bei dem neunjährigen Jonathan dargestellt, ist es oft nicht leicht eine ADHS von einer intellektuellen Hochbegabung zu unterscheiden. Begleiterscheinungen beider Phänomene sind meist akute Schulunlust und daraus resultierendes störendes Verhalten im Unterricht. Manche Kinder scheinen sich „wegzuträumen“ und in eine eigene Welt abzutauchen, andere hingegen quatschen die ganze Zeit mit dem Sitznachbarn. Wenn man nun versuchen möchte die genannten Verhaltensweisen eher dem einen oder dem anderen Phänomen zuzuordnen, ist es sinnvoll sich die Intention der Kinder hinter dem gezeigten Verhalten anzuschauen, denn hier liegen genau die Unterschiede. Kinder, die eine intellektuelle Hochbegabung aufweisen, zeigen diese Verhaltensweisen meist aus purer Langeweile. Sie sind oft stark unterfordert und es langweilt sie Dinge immer und immer wieder zu üben, obwohl sie diese schon lange verstanden haben. Bei einer ADHS ist das Gegenteil der Fall. Durch die Defizite in der Aufmerksamkeitsleistung können sich die Kinder oft nicht auf die erforderlichen Aufgaben konzentrieren und sind deshalb eher überfordert. Hier geht es also meist nicht um echte Langeweile, sondern das störende Verhalten dient dazu der unangenehmen, überfordernden Situation zu entfliehen. Es ist jedoch keinesfalls ausgeschlossen, dass AHDS und Hochbegabung nicht auch gemeinsam auftreten.  

 

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen ADHS und dem individuellen kognitiven Potential?

Man könnte nun vermuten, dass die Konzentrationsschwierigkeiten bei einer ADHS auch zwangsläufig dazu führen, dass die Kinder ein geringeres intellektuelles Potential besitzen. Diese Behauptung ist allerdings unangebracht, denn Studien konnten zeigen, dass der durchschnittliche IQ bei Kindern mit ADHS ungefähr bei 100 liegt, also ganz genauso wie der durchschnittliche IQ bei Kindern ohne ADHS. Forscher untersuchten in verschiedenen Studien den IQ von Kindern mit einer ADHS und kamen hier zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Kinder mit einer intellektuellen Hochbegabung bei ca. 2% liegt. Die Wahrscheinlichkeit einer Hochbegabung ist bei Kindern mit und ohne ADHS ist also gleich hoch. Es wäre demnach falsch zu behaupten, dass die Diagnose einer ADHS eine Hochbegabung zwangsläufig ausschließt oder umgekehrt.  
Die Symptome einer ADHS wirken sich allerdings bereichsspezifisch auf die Leistungen in Intelligenztests und somit auch auf die Kompetenzen der Kinder aus. Es konnte gezeigt werden, dass Kinder mit ADHS oft Stärken im sprachlichen Verständnis aufweisen, also über einen großen Wortschatz verfügen und sich gut ausdrücken können. Defizite findet man im so genannten Arbeitsgedächtnis. Dieser Teil ist für das Merken, Verarbeiten und Bereitstellen von Informationen verantwortlich, beinhaltet also die Aufmerksamkeitsleistung des Menschen.

Dennoch kann es natürlich auch sein, dass ein Kind sich, unabhängig von der Diagnose einer ADHS, nicht konzentrieren kann, obwohl die intellektuellen Voraussetzungen dazu eigentlich gegeben wären. Auffällig in der Grundschule ist oft das Begabungskonzept der Kinder. Im Eifer des Gefechts ist hier nicht derjenige „der Beste“ der sich ruhig auf seine Aufgaben konzentriert, über verschiedene Lösungsmöglichkeiten nachdenkt und sich auch mal Zeit zum Durchdenken einer Aufgabe eingesteht, sondern ganz schlicht und einfach derjenige, der am schnellsten die Aufgabe abgibt und auch bei unverstandenen Inhalten bloß nicht nachfragt. Die Fertigkeit „sich konzentrieren lernen“ kommt hier natürlich viel zu kurz. Oft geht diese Arbeitsweise einige Zeit lang gut, spätestens aber auf der weiterführenden Schule gibt es dann Schwierigkeiten. Diese entstehen meist nicht nur bei der Bearbeitung von komplexeren Aufgabenstellungen, sondern auch bei der allgemeinen Organisation des Lernens.  

 

Insgesamt kann man nach dem Stand der Wissenschaft Eltern folgendes raten:

Hilfestellungen zur Diagnostizierung einer ADHS sollen hier nun weniger berücksichtigt werden. Vielmehr soll es darum gehen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Kinder angemessen gefordert und gefördert werden können, um störendes Verhalten im Schulunterricht aus Langeweile zu vermeiden.

Um der Unterforderung und Langeweile vorzubeugen, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Förderung. Bei der ersten handelt es sich um die so genannte „Akzeleration“, was so viel bedeutet wie „beschleunigtes Lernen“. Gemeint ist hier das Überspringen einer Klassenstufe. Bei vielen Eltern und Lehrern entsteht hier schnell ein mulmiges Gefühl im Bauch und die Angst, das Kind könnte etwas vom Schulstoff verpassen. Wir möchten hier auf unsere eigene Studie zum Thema „Überspringen“ verweisen, bei der wir Schüler und Schülerinnen aus Schleswig-Holstein, die selbst übersprungen sind oder denen geraten wurde zu überspringen, interviewt haben. Es hat sich herauskristallisiert, dass ein so genanntes „Probeüberspringen“ in die neue Klassenstufe als sehr hilfreich empfunden wurde, ebenso wie eine gute Kommunikation zwischen den verschiedenen Instanzen. Insgesamt wurde das Überspringen in die neue Klasse als durchweg positiv bewertet und half definitiv der Langeweile vorzubeugen.
Die zweite Möglichkeit einer Förderung ist das sogenannte „Enrichment“. Hierbei handelt es sich um die Vertiefung bereits in der Schule behandelter Themen, die dem Kind Spaß bringen. Realisiert werden kann ein solches Enrichment entweder durch individuellen Lehrplänen und Extraaufgaben oder durch kleine selbst organisierte Projekte. Dabei sollte das Enrichment unbedingt von der Lehrkraft angeleitet werden, damit dem täglichen Schulstoff nicht vorausgegriffen wird. Dies würde ansonsten nur noch zu mehr Langeweile und somit zu mehr störendem Verhalten führen.

Oft beobachten Eltern, dass ihre Kinder sich sehr gut konzentrieren können, wenn sie sich mit Themen und Inhalten beschäftigen, die ihnen Spaß bringen. So kann es beim Enrichment der Fall sein, dass ein Neunjähriger sich stundenlang damit beschäftigen, wie ein Stromkreis funktioniert und gebaut wird, geht es allerdings darum die Grammatik der deutschen Sprache zu lernen, so wird dies oft zu einer zähen Geduldsprobe. Dies ist natürlich ein ganz normales Verhalten, wir tun alle lieber Dinge, die uns Spaß machen und für die wir Anerkennung bekommen. Dennoch ist die Fähigkeit „sich konzentrieren zu können“ überaus bedeutsam, auch wenn es darum geht sich mit Inhalten zu beschäftigen, die nun einmal nicht so viel Freude bereiten. Hierbei geht es allerdings dann meist mehr um Konzepte wie Frustrationstoleranz und Selbstregulation. So sollten Eltern ihren Kindern vermitteln, dass Dinge nicht immer einfach sein können und man sich auch schwierigen Aufgaben stellen muss, die man vielleicht nicht auf den ersten Blick versteht und die deshalb keinen Spaß bringen. Hilfreich hierfür sind so genannte Lernstrategien. Dabei lernt das Kind zum Beispiel Herangehensweisen an schwierige Aufgaben oder die allgemeine Organisation des Lernens, um sich beispielsweise effektiv auf anstehende Klassenarbeiten vorzubereiten. Beherrscht ein Kind das sogenannte „Lernen zu lernen“, sollte es auch einfacher fallen sich auf unliebsame Aufgaben zu konzentrieren.

Im konkreten Fall von Jonathan wäre es sicherlich sinnvoll zunächst den IQ in einer dafür vorgesehenen Beratungsstelle zu ermitteln. Auf Basis des Ergebnisses kann dann ein individueller Förderungsbedarf abgeschätzt werden. Man könnte hypothetisch annehmen, Jonathan sei in vielen Bereichen sehr begabt und könne sich besonders gut 3-dimensionale-Strukturen im Kopf vorstellen, weise zugleich aber Defizite im sprachlichen Ausdruck und sprachlichen Verständnis auf. Eine Maßnahme wäre dann vielleicht, einen Bereich zu ermitteln, den er besonders interessant findet und ihn in diesem Bereich zum Lesen zu animieren.
Unabhängig von einer Testung des IQ’s wäre es in der Schule interessant auszuprobieren, ob Jonathan komplexere Aufgaben den Einfacheren vorzieht und es bei Aufgaben mit einem höheren Anspruch auch besser schafft sich zu konzentrieren. Schafft er es hier sich auch über einen längeren Zeitraum angemessen zu konzentrieren, könnte man eher von einer Hochbegabung ausgehen. Ist dies nicht der Fall, könnte eine Diagnostik der ADHS weitere Erkenntnisse mit sich bringen. Wie bereits erwähnt kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass Jonathan nicht auch beides hat, eine ADHS und dazu auch einen IQ im weit überdurchschnittlichen Bereich.

 

© Sluyter & Nagy